Die Friedensbewegten gehen am Stock

„Es gibt keine Friedensbewegung mehr. Seit 1992 ist sie tot. Mit Joschka Fischer und Gazprom Schröder ist sie ein für allemal in den Orkus der vergessenen Geschichte gewandert. Wir wurden missbraucht als Wahlkampf-Vieh, wir wurden instrumentalisiert als Stasi-Ziel, wir wurden ausgeforscht und kalt gestellt. Nein. Wenn im ökumenischen Friedensgebet nur noch 9 Leute sitzen – im Alter von über 70 weitgehend – , die in kalter Kirche und wenig Licht ein paar sinnvolle Texte lesen, dann geht davon nichts mehr politisch aus. Dann ist es nur heilsam für die eigene Seele. Mehr nicht.

Ich habe mich dazu gezählt, als einer von 300.000, einig mit der amerikanischen Friedens- und Anti-Rassismus-Bewegung. Wir waren jung und im besten Sinne für Frieden. – Heute, als Gegner des modernen Faschismus, der sich u.a. durch Islamismus und rechte Polemiker auszeichnet, bin ich offenkundig in einer Minderheitenposition. Jedenfalls beten wir immer noch in kalten Kirchen für den Frieden, singen Taizé-Lieder, zitieren die Psalmen und die alten Schriften, erzählen von Jesus und träumen von einem freien Europa und von Verbot des Waffenexportes und der Kriege. Aber es ist schon so, dass auch ich Zorn verspüre über das Geschehen in Aleppo oder andernorts. Der Westen hat die demokratischen Basisgruppen schmählich allein gelassen und den Islamisten Tür und Tor geöffnet, zugleich zugeschaut, wie Assads Fassbomben und Chemiewaffen auf die Städte gingen. Wir schauen als Westen auch in der Türkei zu, wie Dijarbakir zerstört wurde, wie Kurden verfolgt werden, Diktaturen eingeführt werden. Ich seh das alles – und bin immer noch für Politik statt Killertrupps.“

Das schrieb ich in Facebook als Kommentar unter den Beitrag der Tagesschau, die in einer aus meiner Wahrnehmung hochnäsigen Weise die Frage stellt: „Wo ist die Friedensbewegung?“

Da wird der Eindruck erweckt, als sei das eine Art Verein oder Kirchenersatz oder islamistischer Dachverband, der für die Gesellschaft die Rolle des Mahners übernehmen könnte.

Vergessen wird, dass die Motoren der für den Frieden engagierten Menschen der 80er und 90er Jahre an ein paar Händen abgezählt werden konnten. Manfred Stenner z.B. in Bonn, der mit gerade mal 60 Jahren im Jahre 2014 starb. Er hatte viele Fäden in der Hand. Seine Aktivitäten für „Bundesrepublik ohne Armee“ oder „Die Friedenskooperative“ saß in Bonn und hatte mit diversen Stiftungen, politischen Einzelpersonen und Initiativen, die damals im Umwelt- und Friedensbereich überall in Deutschland existierten,

Die Taz schrieb dazu: „Die Flüchtlingsbewegung verliert einen ihrer aktivsten Mitstreiter für eine Welt ohne Kriege und Rassismus. Am vergangenen Donnerstag starb der Bonner Friedensaktivist Manfred Stenner im Alter von 60 Jahren.

Mit Mani Stenner verliert auch die Flüchtlingsbewegung einen ihrer engsten Verbündeten und aktivsten Mitstreiter für eine gerechte, friedliche und humane Welt ohne Kriege, Verfolgung, Gewalt, Ausgrenzung und Rassismus.

Noch im Mai diesen Jahres – anlässlich  einer Demonstration (seiner letzten) in Bonn gegen Rechtsradikalismus – bat er PRO ASYL um Unterstützung: „Flucht und Asyl“, die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik dürften bei einer solchen Veranstaltung als Thema nicht fehlen. Und wir denken zurück an die beginnenden 90er Jahre: ohne das stete, hartnäckige und konsequente Engagement von Mani in Bonn, der damals alle Großdemonstrationen vor und nach der Änderung des Artikels 16 GG verantwortlich organisierte, hätten PRO ASYL und die Flüchtlingsbewegung mit unseren Argumenten in der Öffentlichkeit nie so nachhaltig durchdringen können.“

Die Stiftung Mitarbeit, die damals in Bonn saß und dann nach der Wende nach Berlin umzog, hatte in ihren Reihen gebildete und intellektuell nicht abgehobene sondern engagierte Mitarbeiter, die inzwischen weltweit Friedensfragen vor Ort klären, z.B. der zeitweilige Leiter des Berliner Institutes für Menschenrechte, der zwischenzeitlich für die Vereinten Nationen in Sachen Religionsfreiheit in aller Welt unterwegs war.

Ich selber hatte in den 70er Jahren bereits eine Bürgerinitiative „Wohnen und Umwelt“ in Köln mitbegründet, die noch weit vor den Grünen sich mit Verkehrspolitik und Müllvermeidung befasst, dann aber jahrelang erfolglos wirkte, weil es im Kölner Rat Stasi-Leute gab, die zudem noch mit Netzwerken nach Bonn in den Bundestag Briefumschläge austauschten, die eine inzwischen umbenannten Müllfirma als Dankeschön verteilt hatte, weil die Ratsfraktionen sich von den Umweltbewegten nicht auf das Glatteis einer vernünftigen Umweltpolitik verleiten lassen wollten.

Gleichzeitig waren wir damit befasst, oberirdische Atombombentests, die es noch mindestens bis zur Wende gab, zu thematisieren. Wir wollten nicht die Erde verseuchen. Aber wir wollten auch nicht das Bedrohungsszenario akzeptieren, dass die Welt für unsere Kinder nur gefährlicher und kriegerischer machen würde. Wir waren für Demokratie.

Die linken K-Gruppen nahmen billigend in Kauf, dass wir – auch ich – lieber nahe an der katholischen ökumenischen Gemeindearbeit interessiert waren statt am Klassenkampf. Uns war da zu viel neuer Hass zu spüren, wenn auch zwischen den Zeilen oft gemeinsame Kritik an faschistischen Regierungen und an der nicht aufgearbeiteten Nazi-Vergangenheit Deutschlands auch uns wichtig war. Das passte auch zu unserer Kritik an der Kirche zu den Zeiten Paul VI mit seiner Pillen-Enzyklika, auch wenn die weitsichtig gewesen sein mag.

Es war ein Klima des Aufbruchs, des „Demokratie wagen“s, wie es Brandt Anfang der 70er Jahre gesagt hatte. Wir waren die noch zu jungen Enkel, die noch nicht zur 68er-Bewegung gehören konnten und die wir auch zeitweilig zu arrogant und doppelzüngig, vor allem verkopft empfanden. Wir waren aufbrechende, singende, fröhlich 20-30jährige.

Die Argumente Schmidts, des schneidigen Bundeskanzlers zum Doppelbeschluss der NATO hatten wir sehr wohl verstanden. Während die linken K-Gruppen und dazu musste man durchaus auch Teile der Grünen mitzählen gegen die USA, aber nicht gegen die Sowjets propagierten, brachen Petra Kelly und Gert Bastian nach Ost-Berlin auf, und vertraten da unsere Idee beidseitiger Abrüstung und beidseitigen Verzichts auf Atomwaffenaufrüstung. Die drüben lachten darüber, und wir haben später gestaunt, wie tief die Stasi den Westen im Griff hatte.

Dass da parallel auch Beruf, Vaterschaft – und zwar moderne mit aufgeteilter Hausarbeit – bei uns anstanden, verhinderte, dass ich allzu oft bei Grünen oder Linken irgendwo ihre Sozialisationserwartungen erfüllte. Ich machte mein eigenes Ding vor Ort. Ich verteilte Flugblätter, schrieb ein kritisches Sprechstück, das im Gottesdienst aufgeführt wurde – dank aufgeschlossener Pfarrgemeinderatsmitglieder. Wir übten Lieder zur Friedensfrage ein, wir organisierten mit engagierten Pfarrern in der Nähe Friedensgottesdienste, Friedensgebete, Gesprächsrunden. Wir vernetzten uns. Und zwischendurch hatte ich eine 50-Stunden-Woche als Polizeibeamter. Die Entwicklung führte dazu, dass ich mit einigen in Deutschland engagierten Polizisten auch in Köln die Kritischen Polizisten gründete. Wir packten Menschenrechtsverletzungen an, geplante Einschränkungen der Freiheit waren Thema. Und diese Gruppe gabs bis etwa Ende der 90er Jahre.

Aber warum ist das heute alles nicht mehr?

Am Anfang erwähnte ich Manfred Stenner. Daneben gabs ja im DGB, bei der ÖTV, in zahlreichen Kirchengemeinden, bei den Kirchentagen der evangelischen Kirche, in grünen Arbeitskreisen Friedensbewegte, die sich wie auf Abruf sehr schnell treffen konnten, um in Bussen – wer auch immer die gemietet hatte, ich weiß es nicht – zu den Demo-Orten fahren konnten. Medial inzwischen begleitet durch den WDR, der dadurch zum Rotfunk verschrieen war. Das hat man sehr schnell abgestellt und die Leute aus dem Verkehr gezogen, die in „Hier und Heute“ oder anderen Sendungen auf Demos hinwiesen. Ich selber bin zigmal eingeladen gewesen in zahlreichen Städten der Bundesrepublik, um über die Lage der Flüchtlinge zu berichten, wie ich sie vor Ort erlebt hatte. Es gäbe dazu ne Menge noch zu sagen.

Fakt ist: Auch ich bin irgendwann an die Grenzen der Gesundheit gekommen. Beruflich wollte ich meine Arbeit nicht vernachlässigen, die bis Anfang der 10er Jahre so viel wurde, dass ich vorzeitig in Ruhestand gehen musste, weil auch Rehas nicht mehr halfen. Es ging ums Überleben. Krebserkrankungen, Todesfälle, schwere Krankheiten im Freundeskreis, Pflege der eigenen Eltern mit u.a. Demenz, der Kampf mit Pflegefirmen, Menschenrechtsverletzungen in der Pflege, Bekämpfung des rechtsextremistischen Terrors, Gewalt in Familien – ich konnte nicht mehr. Wer hätte da noch Flugblätter wie in den 70ern verteilen können?

Und nun noch dieser Punkt. Man sieht, dass soziale Bewegungen von radikalisierten Gruppen in eine rechte Ecke getrieben werden. NPD-Leute bemächtigten sich der AfD-Initiatoren, die Medien verteufelten schon bei Beginn dieser Protestpartei die Tatsache ihrer Existenz. Nie im Leben würde ich zu diesen neuen Gruppen gehen. Sie widersprechen in den im Fernsehen gezeigten Fällen fundamental meiner antirassistischen, freiheitlich orientierten, demokratischen und christlichen Grundhaltung, die Menschenwürde für Alle als Basis des Zusammenlebens sieht.

Kritik übe ich am Islam. Aber da sich dieser Kritik die rechten Gruppen bemächtigen, ist es nicht möglich, darüber viel zu artikulieren, denn auch von den Medien wird man – so meine Beobachtung – nicht wohlwollend interessiert befragt sondern gnadenlos niedergemacht. Dazu hab ich keine Lust.

Ich komme ursprünglich aus einem eher mittelstandsorientierten CDU-FDP-Haushalt. Aber die FDP der Freiheit gibts schon lange nicht mehr. Freiheit wird nur noch in Zusammenhang mit Geldverdienen und Grenzenlosigkeit des Kapitalmachtstrebens gesehen. Die Hirsch-Baum-Verbindung ist längst weg. An wen soll man sich noch hängen, wenn man nicht selber organisieren kann, was man für richtig hält?

Die Friedensbewegung ist nicht sinnvoll denkbar ohne einen Genscher, der sich über dem Atlantik oft selber überholt hat. Sie ist nicht denkbar ohne einen Kanzler, der mit den Bürgern diskutiert und nicht vom Blatt abliest. Die Friedensbewegung ist nicht mehr existent, wenn es keinen Heinrich Böll, keinen Heinrich Albertz, keinen Hans-Magnus Enzensberger oder keine Christa Wolf gibt. Eine Friedensbewegung, die nur die USA beschimpft, die gerade unter Obama nicht mehr die Fehler des Bush-Regiments machen wollte, ist unglaubwürdig. Putins Expansionismus, seine brutale Armee, die Annektion der Krim ohne Gespräche mit Augenhöhe, die Nichtbeachtung von Vereinbarungen, die Missachtung der KSZE-Schlussakte von Helsinki – alles das macht es Friedensbewegten schwer, angesichts einer fürchterlichen Gemengelage in Syrien, im Irak, in Libanon und auch im einzigen demokratischen Staat unter arabischen Islam-Mächten, in Israel, eine vernünftige Position zu beziehen.

Der Versöhnungsbund, der sich insbesondere nach dem Nazi-Völkermord der Verständigung, Freundschaft und Liebe zu Israel widmet und dabei keine Aggressionen gegen palästinensische Flüchtlinge hegt, sondern zur Versöhnung eigenes Engagement zeigt, und andere Gruppen tun ihr Werk. Es gibt die Engagierten, die gewaltfreie Kommunikation in zahlreichen Regionen trainieren und es auch für Deutsche anbieten. Es gibt sie, die Gebetsrunden in kalten Kirchen, die Psalmen beten, singen und friedensorientierte Texte lesen. Aber sie strahlen nicht aus auf Politik, weil Politik uns Stille nicht in ihren Reihen haben will.

Und es fehlt auch an Haltung. Haltung zu grundsätzlichen Fragen der Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit und der Art von Frieden, die nicht unterdrückt.

Wir existieren, wir früheren Friedensdemonstranten. Aber wir sind alt geworden. Wir sind zwischen 55 und 95 Jahre. Wir kümmern uns um Pflegebedürftige, Gesundheitsversorgung, Hospizarbeit, Gemeinde, Sprachunterricht, Integration. Wir haben unsere Kinder zu friedfertigen sozialen Menschen erzogen. Die fallen nicht kiffend vor U-Bahnhaltestellen auf, aber sie sind durch den Zwang, dass Beide arbeiten MÜSSEN, weil Fremdbetreuung heute vor individueller Liebeserziehung zu Hause steht, nicht mehr in der Lage, abends statt den Kindern etwas vorzusingen, ein Buch vorzulesen, die alte Großmutter zu besuchen oder die eigenen Eltern, sich um die Organisation von Friedensdemos zu kümmern. Der Konkurrenz- und Überlebenskampf in oft schlecht bezahlten oder durch zuviel Arbeit überlasteten Bereichen mit Verantwortung für fremdes Leben macht es unmöglich, sich um ferne Dinge zu kümmern, für die Geheimdienste und Militärs, Wirtschaft und Thinktanks ne Menge Geld, Zeit und Manpower einsetzen können.

Wir sind entmachtet, wir Friedfertigen. An unsere Stelle setzte man Karrieristen.

Wie das weitergeht, weiß auch ich noch nicht.

Ich kann nur hoffen und beten, dass die Vernünftigen im Lande sich um Gerechtigkeit, Frieden, Naturschutz und Umwelt, um Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit kümmern, wo sie leben, damit die Propagandisten der Spaltung, die über sogenannte „soziale“ Medien aktiv sind, über YouTube und andere Verbreitungsforen, dass die nicht gewinnen.

Um unserer Enkel und Ur-Enkel willen. Denn Einige von uns gehen schon am Stock.
15417082_10154872344702962_2147476580_nDieser Gastartikel stammt von Herrn Bernwald Boden.

Der pensionierte Kriminalbeamte gründete in den 1970er/1980er-Jahren zahlreiche Bürgerinitiativen zu Umwelt- und Friedensfragen und engagiert sich seit 1977 in etlichen Friedensgruppen.

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